Politische Praxis zwischen Plan und Spiel:Simulation der FTAA/ALCA-Verhandlungen |
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Sehr geehrte Damen und Herren, Erstens handelt es sich um die Dokumentation eines experimentellen Lehrprojektes, welches die Studierenden des Internationalen Studiengangs Politikmanagement (ISPM) der Hochschule Bremen und des Instituts für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover unter meiner Anleitung durchgeführt haben. Dabei wurde in einer dreitägigen Veranstaltung eine möglichst realitätsnahe Simulation der Schlussverhandlungen der panamerikanischen Freihandelszone FTAA durchgeführt, die in den nächsten Jahren durch ein regionales Integrationsabkommen für Nord- und Südamerika begründet werden soll. Die Studierenden mussten dabei in die Rollen der beteiligten Staatschefs bzw. von Vertretern der Zivilgesellschaft schlüpfen und versuchen, die Verhandlungen im Sinne ihrer Länder/Lobbys zum Erfolg zu bringen. Mit welcher Dynamik und mit welchem Ergebnis dies geschehen ist, können Sie den folgenden Seiten entnehmen. Nun sind Planspiele dieser Art zwar kein fester Bestandteil der universitären Lehrpläne, aber eben auch keine wirkliche Neuerung – gibt es doch Rollenspiele wie z.B. die UNO-Simulation „Model United Nations“. Doch im Gegensatz zu diesen standardisierten und formalisierten Veranstaltungen sah unser Planspiel bei der Vorbereitung und Durchführung der Simulation einen hohen Anteil an Eigenverantwortung und Mitgestaltung der Studierenden vor. Dies begann mit der gemeinsamen Entwicklung eines Konzeptes sowie dem erfolgreichen Einwerben von Ressourcen und setzte sich mit der Erarbeitung und Präsentation zahlreicher Länderprofile sowie wichtiger Themen der lokalen wie internationalen Handelspolitik fort. Gleichzeitig wurden hierbei Recherche-, Analyse- und Präsentationstechniken sowie Rhetorik eingeübt. Dazu kamen Aufgaben der Logistik, der Pressearbeit und der Referentenbetreuung. Das Experiment fand schließlich seinen Höhepunkt in dem Planspiel selbst, in dem nicht nur einmal die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit zu verwischen schien. Trotz extrem unterschiedlicher Interessenlagen wurden die Verhandlungen dabei zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Nach Ansicht der anwesenden Experten könnte unser Vertragsergebnis sogar wegweisend für die wirklichen Verhandlungen sein; es wurde deshalb in einer Pressenote an alle beteiligten Staatschefs übermittelt. |
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Die Auswertungen des Planspiels haben ergeben, dass das Ziel, Theorie und Praxis in den Feldern internationale Wirtschaft und Politik zu verknüpfen, vollständig erreicht wurde. Die Studierenden bestätigten den Effekt einer gleichzeitig spielerischen und kenntnisreichen Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, die in denen von ihnen angestrebten Berufsfeldern von großer Bedeutung sind. Doch dieses erfreuliche Ergebnis wurde nur durch eine immense Arbeitsbelastung möglich, die das Planspiel allen Beteiligten abforderte. Dennoch bestand im Nachhinein große Einigkeit, dass sich diese Mühen gelohnt haben. Zum Einen, weil nach den zahllosen Vorarbeiten alle Weichen für eine weniger arbeitsintensive Durchführung gleicher oder ähnlicher Veranstaltungen gestellt sind - davon werden sicherlich die nächsten Generationen der Studierenden profitieren. Und zum Anderen, weil eine innovative Vermittlung von Praxis-Theorie-Anforderungen getestet, gewogen und für gut befunden wurde. Aber Innovationen leben nicht nur von guten und frischen Ideen, sondern auch von den Bedingungen ihrer Umsetzung. Erst die Förderung durch die Sponsoren Masterfoods, Kelloggs, Kraft Foods, Reidemeister & Ulrichs sowie die Stiftung der Sparkasse Bremen und die Kooperationen mit der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Bremen, der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen und der Hochschule Bremen haben die Grundlage geschaffen, dass eine originelle Idee und ein gemeinsamer Wille zu einem durchführbaren Projekt wurden. Diese Zusammenarbeit aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ist ein wichtiger Beweis dafür, dass Bremen völlig zu Recht den Titel Stadt der Wissenschaft 2005 trägt. Doch es geht hier nicht nur um eine pädagogisch-didaktische Innovation. Zweitens beschäftigt sich das Planspiel mit einem Problemfeld, welches in der Weltpolitik leise, aber zunehmend an Bedeutung gewinnt: Die Asymmetrie der Nord-Süd-Beziehungen. In wenigen anderen Regionalbestrebungen wie in der panamerikanischen Freihandelszone FTAA stehen sich Länder gegenüber, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Da verhandeln einerseits die Weltmacht USA und andererseits `Schwellenländer´ wie Brasilien oder verarmte Staaten wie Nicaragua. Eine Beschäftigung mit den Zwängen, aber auch Optionen, die diese Entwicklungsgefälle bei internationalen Verhandlungen mit sich bringen, hat die Studierenden angeregt, über den Tellerrand ihres Landes, der EU oder gar der OECD hinauszuschauen und sie für die Belange der `Dritten Welt´ sensibilisiert. Dies tut heute mehr Not als je zuvor. Wir alle wissen, dass ein Fünftel der Weltbevölkerung vier Fünftel der globalen Ressourcen verbraucht, dass dieses Ungleichgewicht in dem letzten Vierteljahrhundert eher gewachsen ist und die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen im internationalen System, an der globalen Wirtschaftsentwicklung, an weltweitem Frieden und an sozialer Sicherheit für viele unterentwickelte Länder bzw. für bestimmte Anteile von deren Bewohnern abgenommen hat. In den letzten zehn Jahren ist in 34 Ländern die Lebenserwartung gesunken. Das Vermögen der 578 reichsten Personen der Welt übersteigt das Einkommen der ärmsten Hälfte der Menschheit. In Europa wird heute achtmal mehr für alkoholische Getränke als für die weltweite Gesundheitsvorsorge und Ernährungssicherung ausgegeben. Solche Zahlen werden meistens moralisierend vorgetragen und führen in der Regel zu kurzen Betroffenheitsbekundungen oder bestenfalls zu Absichtserklärungen, die den persönlichen wie politischen Alltag aber kaum beeinflussen. Doch während diese Asymmetrien in den letzten 50 Jahren das Weltsystem nicht substantiell destabilisierten, beginnen sie heute im Kontext der Globalisierung eine neue Qualität zu entfalten: Über Bumerang-Effekte wie Migration, Terrorismus, transnationale Kriminalität, asymmetrische Kriege etc. werden sie in wachsendem Maße auch für den `Norden´ zur Gefahr und drohen, das Nord-Süd-Gefälle zum Nord-Süd-Konflikt werden zu lassen. Politik und Wissenschaft kommen hier zunehmend in die Pflicht, neue konstruktive Lösungsansätze zu entwickeln. Es empfiehlt sich deshalb, die Theorie und Praxis der internationalen Politik nicht auf Themen wie die EU-Integration und die transatlantischen Beziehungen einzuengen, sondern mehr Referenzpunkte aus Weltregionen außerhalb der OECD-Kernländer heranzuziehen. Hier hat unser Planspiel mit der bewussten Auswahl eines Themas, das den Spannungsbogen der Nord-Süd-Problematik umfasst, versucht, neue Akzente zu setzen. Es wäre wünschenswert, wenn dieser Impuls aufgegriffen würde und neue Wege beschritten und Themenschwerpunkte erarbeitet werden, die unsere Welt auch als EINE Welt im Blick haben. Hans-Jürgen Burchardt PS: Anregungen, Kritik oder Aktualisierungsvorschläge für diese Homepage sind herzlich willkommen! |
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